Warum der Suizid meines Großvaters mein Leben bis heute prägt

von | 02.10.2025

Es gibt Geschichten, die uns begleiten, auch wenn sie nie ausgesprochen werden. Geschichten, die in unseren Familien im Verborgenen liegen – und dennoch wirken sie in uns nach. Für mich war es der Suizid meines Großvaters durch Erhängen. Ein Ereignis, das lange vor meiner Geburt geschah, und doch ein Teil meiner Lebensgeschichte geworden ist.

Meine Mutter war 13 Jahre alt, als ihr Vater sich das Leben nahm.

Damals wurde darüber kaum gesprochen. In den 1960er Jahren war Suizid ein Tabu, etwas, das man verschwieg.

Meine Mutter hat mit diesem Verlust gelebt, ohne Worte dafür zu haben.
Und ich – obwohl ich meinen Großvater nie kennengelernt habe – habe die Folgen in meinem eigenen Leben gespürt.

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Die unsichtbare Schwere im Familiensystem

Schon als Jugendliche fühlte ich eine Schwere, die ich nicht erklären konnte. Ich entwickelte Ängste, begann meinen Hals abzutasten, als müsste ich prüfen, ob alles an seinem Platz war. Eine Art Zwang, für den es keinen medizinischen Grund gab.

Heute weiß ich: Es waren Spuren eines unausgesprochenen Traumas.

Denn unausgesprochene Gefühle verschwinden nicht.

Sie legen sich wie ein stiller Schatten über Generationen. In meiner Familie war es die Trauer um meinen Großvater – verdrängt, verschwiegen, nicht betrauert. Dieses Schweigen wurde zum Teil meines eigenen Empfindens.

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Wenn Schweigen lauter ist als Worte

Ich war ein neugieriges Kind, habe viele Fragen gestellt. Aber wenn es um meinen Großvater ging, blieben die Antworten vage. Worte fehlten – und in diesem Schweigen entstand eine Leerstelle, die sich in meinem Körper und meiner Seele bemerkbar machte.

Dieses Fehlen von Sprache ist eine Erfahrung, die viele Betroffene kennen.

Wer in einer Familie lebt, in der Trauer nicht ausgesprochen wird, trägt oft eine unsichtbare Last. Das Wissen, dass „etwas“ da ist, ohne zu verstehen, was es ist.

Transgenerationale Trauer – wenn Schmerz weitergegeben wird

Heute sprechen wir vom Konzept der transgenerationalen Weitergabe von Trauma.

Wissenschaftlich belegt ist, dass nicht verarbeitete Traumata und Verluste Spuren im Nervensystem und in den Familienstrukturen hinterlassen können.

Kinder und Enkelkinder spüren etwas, das nicht ihnen gehört – und doch in ihnen weiterwirkt.

So war es auch bei mir. Die Ängste meines Großvaters, die Existenzsorgen, die ihn wahrscheinlich zu seinem Schritt getrieben haben, sind bis heute in meinem System spürbar. Meine Mutter trägt diese Schwere. Und ich trage sie auch – aber ich habe entschieden, mich ihr zu stellen.

Worte finden, wo Schweigen war

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich heute als Rednerin arbeite. Bei fast tausend Begräbnissen habe ich Menschen begleitet. Immer wieder war es mein Ziel, Worte für das Unsagbare zu finden. Worte, die heilen können. Worte, die da sein dürfen, wo früher Schweigen herrschte.

Auch mein Podcast Sag doch was! ist Teil dieser Aufgabe. Er lädt dazu ein, Tabus zu brechen. Über Suizid zu sprechen. Über Trauer. Über alles, was schwer ist – und doch zum Leben gehört.

Warum ich das teile

Ich erzähle meine Geschichte nicht, um sie ins Zentrum zu stellen, sondern um dir Mut zu machen. Vielleicht gibt es auch in deinem Familiensystem Geschichten, die unausgesprochen blieben. Vielleicht spürst du eine Schwere, die du dir nicht erklären kannst.

Dann möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein.

Das, was in Familien verdrängt wird, lebt weiter – aber wir können es ans Licht holen. Wir können Worte finden. Wir können lernen, das Schweigen zu durchbrechen.

Heilung für kommende Generationen

Ich glaube fest daran, dass wir heute in einer Zeit leben, in der Heilung möglich ist.

Wir sind oft die Ersten in unseren Familien, die diese Aufgabe übernehmen – und das macht es schwer. Aber es ist eine besondere Aufgabe.

Denn wenn wir hinschauen, wenn wir benennen, was war, dann tragen wir nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Kinder und Enkel in eine leichtere Zukunft.

Wir geben ihnen nicht mehr das Schweigen weiter, sondern die Fähigkeit, zu fühlen, zu trauern und zu heilen.

Fazit

Der Suizid meines Großvaters begleitet mich, auch wenn ich ihn nie kennengelernt habe. Er ist Teil meiner Geschichte – und er ist ein Grund dafür, warum ich heute Worte finde, wo früher keine waren.

Vielleicht spürst auch du das Gewicht vergangener Generationen in dir. Dann möchte ich dich ermutigen: Finde deine Worte. Sprich aus, was lange verborgen war. Denn jedes Wort ist ein Schritt in Richtung Heilung.

Ich begleite Dich von Herzen gern dabei.

👉 Dieser Blogartikel basiert auf einer Folge meines Podcasts SAG DOCH WAS! Mit dem Titel 🦋 Meine Geschichte – Warum der Suizid meines Opas vor 64 Jahren mein Leben immer noch begleitet.

Kennst Du schon meinen Podcast?

SAG DOCH WAS! ist ein Ort, an dem Worte gefunden und ausgesprochen werden.  Über Suizid, Trauer und Tabus.

SAG DOCH WAS! ist Dein Raum, wenn Du trauerst und Halt, Orientierung und Vertrauen brauchst.

SAG DOCH WAS! berührt Deine Seele und bricht Tabus. Du wirst eingeladen, eigene Worte zu finden, wofür wir niemals gelernt haben, Worte zu haben.

Hallo, ich bin Karin.

Ich helfe Dir dabei, Deine Trauer als wertvolle Begleiterin anzunehmen.

Eine Begleiterin, die Dich trägt, Dir Mut macht und Vertrauen lehrt.

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